Kindlein, wo bist du? – Friedrich Wilhelm Grimme
Es sehnt und sucht, was in mir ist,
Den neugebornen heil’gen Christ;
Will fragen gehn von Haus zu Haus,
Will forschen Land und Leute aus:
Sagt an,
Wo ich ihn suchen und finden kann.
Jerusalem, du Königsstadt,
Wo Davids Arm gewaltet hat,
Find‘ ich in deiner Herrlichkeit
Das Kindlein, das mein Herz erfreut?
O nein!
Such‘ anderswo das Kindelein!
Sagt, find‘ ich an Herodis Thron
Den menschgewordenen Gottessohn?
Find‘ ich ihn in des Römers Zelt,
Der hier das Schwert des Kaisers hält?
O nein!
Such‘ anderswo das Kindelein!
Ihr stolzen Mauern Jericho’s,
Bergt ihr das Kind in eurem Schooß?
Gibt Hebron mir vielleicht Bescheid,
Die Stadt, wo Könige geweiht?
O nein!
Such‘ anderswo das Kindelein!
O Kindelein! war dir genehm
Vielleicht das kleine Bethlehem,
Wo König David’s Wiege stand,
Du selber David’s Sohn genannt?
Sag‘ an,
Wo ich dich suchen und finden kann.
Ich frag‘ und geh‘ von Haus zu Haus –
So tret‘ ich in das Feld hinaus:
Du armer Stall, der einsam steht,
Hast du, wonach mein Sehnen geht?
Eia! Eia!
Das süße Kindlein das ist da.
Das süße Kindlein das ist da,
Die süße Mutter steht ihm nah‘
Und zeigt der frommen Hirtenschaar
Das Heil der Welt, das sie gebar.
Eia! Eia!
Das süße Kindlein das ist da.
O kann es sein? kann’s möglich sein?
Im Stalle mein Christkindelein?
Der große Gott ein armes Kind,
Noch ärmer, als wir selber sind?
Eia! Eia!
Das süße Kindlein das ist da.

